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100 Jahre Herold

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 BeitragVerfasst: Fr 5. Mai 2017, 20:18   
Rennleitung
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Wohnort: Oberharz
2017 ist irgendwie das Jahr der Jubiläen. Die Rennvereine von Hannover und Leipzig feiern ihren 150. und die Youngsters aus Köln immerhin schon ihren 120. Geburtag. Vielleicht noch bedeutender ist der 100. Geburtstag eines Hengstes, der ein Herold für eine Neuausrichtung der deutschen Vollblutzucht war und diese nachhaltig und entscheidend prägte. Herold der heute vor exakt 100 Jahren auf dem Gestüt Graditz geboren wurde, trägt also genau den richtigen Namen. Welche Neuausrichtung symbolisiert nun Herold? Im 19. Jahrhundert machte die deutsche Vollblutzucht den Fehler, den alle aufstrebende Vollblutzuchten machen. In der Hoffnung, dass diese das vorhandene Stutenmaterial sukzessive veredeln, importierte man einige teure Hengste wie Chamant, Kisber und Savernake. Diese Hengste waren im eigenen Land auch sehr erfolgreich, konnten aber keine Pferde von ihrer eigenen Klasse zeugen. Internationale Konkurrenzfähigkeit ereichte man damit. Genau diese wollte man aber in der goldenen Wilhelminischen Ära, wo sich Deutschland als große Weltmacht fühlte und noch schlimmer benahm, unbedingt. Mit Zweitklassigkeit wollte man sich da auf keinem Feld begnügen und an Geld zur Erstklassigkeit mangelte es nicht. Wenn man diese erreichen will, dann muss man nicht nur hochkarätige Hengste sondern in großer Breite auch gute Stuten importieren - das war die neue Zucht-Philosophie. Damit man sich bei deren Umsetzung nicht selber ins Gehege kommt, wurde unter Vorsitz des Oberlandstallmeisters Georg von Lehndorff eine Stuteneinkaufsgemeinschaft gegründet, die dann die eingekauften Stuten an die einzelnen Gestüte weiterverkaufte, genau so wie es Hong Kong Jockey Club seit langem sehr profitabel mit dem Einkauf von Rennpferden macht. Fast alle der alten Linie, über die Garesp hier auf vielfältige Weise berichtet gehen auf diese Zeit zurück und auch später hielt man an dieser erfolgreichen Strategie fest. Die bekannteste edelst gezogene Importstute war sicherlich die berühmte Festa, vom legendären St. Simon aus der Oaks-Siegerin L'Abbesse de Jouarre. Festa war jedoch ein eher mäßiges Rennpferd und auch als Mutterstute brachte sie in England nichts zu Wege. Deshalb wollte sie Graditz nicht haben und sie ging an Waldfried, wo alle ihre 5 Nachkommen Volltreffer waren. Für die deutsche Zucht am bedeutendsten war jedoch Alveole, die von Graditz aus die deutsche Zucht durchdrang. Ebenfalls an Graditz ging Hortensia, aus deren Mutterlinie auch die vielleicht beste deutsche Stute des 19. Jahrhunderts stammte, Das Veilchen. Graditz' teuerster Hengst Ard Patrick zog aus ihr die Hornisse, deren Idealdistanz die Meile war, die aber auch im Preis der Diana einen guten zweiten Platz belegte. Von ihr erbte Herold wohl seine eminente Beschleunigung. Gepaart mit dem Galoppiervermögen seines Vaters Dark Ronald machte ihm diese über alle Distanzen quasi unbesiegbar. Herold war schon als Jährling sehr auffällig, lief jedoch ständig lahm, erholte sich aber sehr schnell von den medizinischen Eingriffen. Deshalb wurde er von seinem Reiter Juke Rastenberger auch nur mit Samthandschuhen angefasst. Hierin liegt wohl auch Herolds einzige Niederlage ausgerechnet im Henckel-Rennen. Dort sprang er in gewohnter Weise auf der Zielgerade der Konkurrenz davon, wurde aber ausgerechnet am Zielpfosten vom heute vergessenen Pallenberg um einen Kopf geschlagen. Wäre ihm, dem nie ein Weg zu weit war, nur die Peitsche ein bißchen gezeigt worden, wäre ihm diese im Rückblick katastrophale Niederlage erspart geblieben. Er verlor dadurch die Triple Crown und den Nimbus der Unbesiegbarkeit. Ähnlich ging es Jahrzehnte später dem legendären Native Dancer, der ausgerechnet im Derby seine einzige und völlig unangemessene Niederlage erlitt. Deshalb ist dieser heute statt der Nummer 1 auch nur die Nummer 7 auf der ewigen Bestenliste des Bloodhorse Magazins und ähnlich ging es Herold, der aus ungeklärten Gründen dann auch noch kerngesund, dreijährig seine Rennlaufbahn musste. Das kostete ihm dann beinahe auch noch das Leben, denn auf dem Gestüt Graditz infizierte er sich mit der dort grassierenden Virus-Anämie, nach heutigen seuchenrechtlichen Vorschriften das sichere Todesurteil, den selbst von dieser Krankheit gesundete Pferde bleiben Träger dieser Krankheit und müssen deshalb getötet werden. Herold überlebte nicht nur die Krankheit sondern man begann wegen des allgemeinen Geldmangels nach dem 1. Weltkrieg trotz des großen Risikos mit ihm zu züchten. Man setzte ihm aber anfangs nur für die Zucht ungeeignete Krampen vor und jetzt hatte Herold wieder einmal großes Glück: Aus einer solchen sieglosen Krampe ging gleich in seinem ersten Jahrgang der Derby-Sieger Dionys hervor. Das war sicherlich nicht der stärkste Jahrgang, aber trotzdem außerordentlich beeindruckend. Auch infizierte Herold keine Stuten mit der gefährlichen Virus. So fielen zumindest bei den kleinen Züchtern und später auch in Graditz alle Hemmungen. Es folgte der Derby- und Leger-Sieger Lupus. Die Mütter von Dionys und Lupus waren beide Töchter des Graditzer Importhengstes Nuage, der 2 Derby- und 6 Diana-Siegerinnen brachte. Mit der Stute Antwort bildete Nuage das Traumpaar der damaligen Zucht und die Töchter dieses Traumpaares bekam jetzt Herold, der sich diesem Vertrauen sehr würdig erwies. Die Krönung war sicherlich Alchimist, dem auch die anderen großen Gestüte wie Schlenderhan und Röttgen ihr Vetrauen schenkten. Es hätte noch viel besser kommen können, denn das Traumpaar Antwort-Nuage hatte auch einen sehr guten Sohn mit Namen Anschluss. Siegfried von Lehndorff bezeichnet ihn als das zweitbeste Pferd seines Lebens. Wenn man bedenkt, wie gut Herold mit den Töchtern von Antwort-Nuage harmonierte, wie hätten sich mit Herold und Anschluss in armer Zeit die Bälle zuspielen können, aber Anschluss wurde gegen den Willen Lehndorffs an einen kleinen Züchter verkauft und ging dort früh ein, nachdem er gemessen an den schlechten Möglichkeiten hervorragende Vererberfähigkeit gezeigt hatte. Gegen Ende des 2. Weltkrieges kam es dann noch schlimmer, nicht nur der inzwischen steinalte Herold sondern fast die gesamte nach dem Rezept Antwort-Nuage-Herold gezogene Graditzer Helden-Familie inklusive Alchmist kam auf der Flucht um. Sein Blut aber lebt weiter.

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Deutsches Derby 2016
Bilder der Derby-Teilnehmer 2016


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